Heute hat Facebook diesen Diskussionsbeitrag von mir kassiert, den ich auf meiner FB-Seite1 veröffentlichen wollte. Hier der Text:

Besagte Diskussion ging weiter…

Die Teilnehmerin sagte: (…) komm aus dem Schatten, trete ins Licht. Robert Kennedy hat das mit Kakerlaken verglichen (…) Am Begriff „Kakerlaken“ kann ich nichts „schlimmes“ finden. „Gesindel“ hingegen sind verabscheuungswürdige Menschen, die verachtet und abgelehnt werden… Wenn schon Haare gespalten werden… aber es bringt nichts. Man kann eben im Allem etwas Schlechtes sehen oder hineininterpretieren, wenn man sich Mühe gibt. Es geht hier um die Kernaussagen. Es geht nur zusammen, zusammen sind wir stark.VG

Ich antwortete ihr: Hör noch mal rein. Er sagte, „die Medien und die Politik SIND Kakerlaken“. Als er diesen Satz sagte, meinte er vermutlich nicht die druck- oder digitaltechnischen Geräte der Medien oder die Rednerpulte und Mikrofone der Politiker, die sich lichtscheu verstecken. Er wird an Menschen gedacht haben, als er „Kakerlaken“ sagte. Und viele seiner ZuhörerInnen werden bei „Kakerlaken“ an Menschen gedacht haben, vielleicht an die ZDF-Journalistin, die am 1.8. durch die Demo in Berlin gegangen ist oder an den SPIEGEL-Journalisten, der Markus Haintz in Hamburg „interviewed“ hat – beide dabei (wohl coronaphob, aber vielleicht ja auch lichtscheu) hinter Masken versteckt. Ja, und gerade weil es um bewusst getätigte Kernaussagen geht, muss man die unbewusst „zum Vorschwein“ (Freud über Versprecher) kommenden Neben- oder Randaussagen besonders beachten. Die Kernaussagen sollen verbreitet werden (da stimme ich bedingungslos zu), aber die Randbemerkungen sind es oft, die sich in der Weitergabe von Narrativen vermehren – wie „Kakerlaken“ eben, oder wie die Corona der Viren: die Gedankenviren (nach Robert Dilts).

Es sollte ein Diskussionsbeitrag von mir in einem Thread2 sein, in dem ich etwas über das Video von Dr. Bodo Schiffmann angemerkt hatte. Die Streichung meines Diskussionsbeitrages habe ich dokumentiert.3

Die Algorithmen in Facebook „wissen“ natürlich, was ich hin letzter Zeit gepostet und ge-like-t habe. Und anscheinend wissen sie auch, nach welchen Worten sie meine Posts am besten durchsuchen, bevor sie sie zulassen – oder eben blockieren: Die Meldung, mein Beitrag würde einen Link enthalten (siehe Fußnote #3), der gegen die „Gemeinschaftsstandards“ verstößt, trifft ja nachweislich nicht zu – d.h. der Algorithmus meldet offensichtlich auch „verdächtige“ Worte und Begriffe.

  1. https://www.facebook.com/thies.stahl/
  2. https://www.facebook.com/thies.stahl/posts/10208204052934377
  3. https://tinyurl.com/y3kaovh7

English Version

In meinem gestrigen Beitrag1 habe ich deutlich gemacht, inwiefern wir, wenn wir bei dem falschen Sprachgebrauch von „Black and White“ oder „White, Black and Colored“ bleiben, den Rassismus tief in unserem Sein verankert lassen. Denn, so sagte ich, die Bezeichnungen „weiß“ und „schwarz/farbig“ werden nicht für die Farbtöne menschlicher Haut, sondern ausschließlich als Symbolisierung von Abwertungen gebraucht, die wir auf diese Weise implizit halten und verewigen: Alles Positive ist mit „White“ konnotiert und alles Negative mit „Black“ oder „Colored“.

Dies führt natürlich zu der Frage, welche sprachliche Unterscheidung angemessener wäre. Die alte Unterscheidung zwischen „Weiß“ und „Schwarz/Farbig“ ist zwar falsch und sichert auf perfid-elegante, sprachlich-implizite Weise die permanente Abwertung der „Nicht-Weißen“, scheint aber für die Beschreibung gesellschaftlicher Realitäten unverzichtbar zu sein, die beschreibbar bleiben müssen, wenn wir die Wörter „Schwarz/Farbig“ und „Weiß“ ersetzen.

Da alle Menschen farbig sind, z.B. rosa-pink („schweinefarben“), gelb, rot, hellbraun, dunkelbraun und schwarzbraun, sollten wir, in Ermangelung einer besseren Begrifflichkeit, von „+colored“ und „-colored“ („+farbig“ und „-farbig“) sprechen.

Statt also zu sagen, die „Weißen“ sind priviligiert, da sie (leichteren oder überhaupt) Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem haben – kurz zu allem, was mit Chancen zu tun hat – könnte man besser sagen: “+Farbige-Menschen“ haben überall da ein Plus an gesellschaftlichen Chancen, wo “-Farbige-Menschen“ jeweils ein deutliches Minus haben.

Dann kämen wir zu dieser Sprechweise, die der Wirklichkeit vielleicht angemessener ist:

  • In Amerika, aber auch bei unseren europäischen Vorfahren, die im Sklavenhandel reich geworden sind, gibt es eine lange Tradition, die +Colored zu unterwerfen und one-down zu halten.
  • Die -Farbigen werden bis heute von den +Farbigen eher chancenlos gehalten und tendentiell ausgebeutet.
  • Das System der „alten +farbigen Männer“ ist immer noch recht intakt.

Um es hier ganz klar zu machen: „+farbig“ bedeutet „privilegiert farbig“ und „-farbig“ bedeutet „unterprivilegiert farbig“. Das „+“ und das „-“ in diesem Sprachgebrauch hat nichts mit den Farbeigenschaften der menschlichen Haut oder mit den Lichteigenschaften bei der additiven Farbmischung zu tun.

  1. Der „White and Colored“-Mythos / Die unbewussten „Glaubensgemeinschaften“ von Konfliktpartnern: Geteilte Präsuppositionen in Konfliktpositionen