Anmerkungen

Tabu Virginias Zunge

Auf meiner Facebook-Seite habe ich kürzlich einen Beitrag des „SYSTEMAGAZIN Online“ über den 100. Geburtstag von Virginia Satir  geteilt. Es dauerte natürlich nicht lange, bis einer mit der kurzen Mitteilung „….habe viel von ihr gelernt!“ die Gelegentheit nutzte, ein bisschen Werbung für sich selbst zu machen. Eigentlich hätte ich es auch noch einmal erwähnen sollen, dachte ich, dass Virginia zu meinen direkten Lehrern gehörte – und entschied mich für diesen Kommentar:

Ich habe auch viel von Virginia Satir gelernt. (Mein „alter“ Gestaltausbilder, 1977-1982, Prof.) Hilarion Petzold, hatte mich gefragt, ob ich nicht auch was für diese Ehrung zu ihrem 100. Geburtstag schreiben will. Ich könnte von dem etwas verwenden, was ich schon über Virginia und das NLP geschrieben habe, meinte ich, aber passender wäre es, von einer kleinen Begebenheit mit ihr zu berichten, die ich noch in lebhafter Erinnerung habe, die aber für diesen Beitrag im systemagazin vielleicht unpassend wäre. Ich erzählte sie Hilarion und er stimmte mir zu. Eigentlich schade, macht diese Begegnung Virginia doch so menschlich.

Nach einem nächtlichen Gespräch mit ihr und ein paar Kollegen 1979 hatten Virginia und ich in dem aus mehreren Häusern bestehenden Ausbildungsort ein letztes Stück gemeinsamen Weges zu unseren Zimmern. Als ich (29), in guter Oma-Übertragung auf sie (63), ihren von oben (Virginia, „high and mighty“) auf den Weg gebrachten und von mir in einer „Wangen-Tschüss“-Version erwarteten Kuss erwidern wollte, änderte sie unerwartet die Choreografie dieser Verabschiedung in eine eher frontale face-to-face-Begegnung und schob mir in einer plötzlichen Anwallung ihre Zunge in meinen, noch andächtig lernend und staunend (hatte sie mir doch gerade von ihren Beziehungen zu Fritz Perls und Milton Erickson erzählt), leicht geöffneten Mund  —  in den Hals, bis zum Anschlag, irgendwo hinter dem Zäpfchen. Schock, Perplexitätstrance, automatisches Gute-Nacht-Sagen. Keiner von uns beiden hat diesen Vorfall, unmittelbar danach nicht und auch in zwei Begegnungen 1981 und 1986 nicht, angesprochen oder kommentiert und es hat lange Jahre bis nach ihrem Tod gedauert, bis mir klar wurde, dass ich damals die Psycho-Szene um Virginia, in der ich mit etlichen Leuten gut befreundet war, nicht nur deshalb verlassen habe, weil mir die familientherapeutische Ausrichtung von Erickson, Jay Hayley, des MRI und anderer mehr lag, als die der sich gerade etablierenden deutschen
Satir-Schüler.

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Frosch-Prinz nach Virginias Kuss

Das war natürlich ein waschechter Missbrauch, mit allen bekannten psychischen (Verdrängung, Abspaltung) und sozialen (Qualitätsverlust von „Peer“-Beziehungen) Folgen — es war die große Virginia Satir von einer ihrer menschlichsten Seiten. Aber trotz allem:

Herzlichen Glückwunsch, Virginia, zu deinem Hundertsten. Und von oben schau bitte nachsichtig auf den stümperhaften Umgang des DVNLP mit seinen mutmaßlichen Sündern, die sich offensichtlich in einigen Begegnungen auch nicht im Griff hatten. Und bitte schau freundlich auf meine und unser aller Bemühungen, konstruktiver mit dem Tabu Missbrauch umzugehen, als Du selbst, selbst Du, das konntest.

IMG_0105 Ausschn.

Virginia mit Richard und John

Ich dachte dann, schade, hätte ich doch einen kleinen Beitrag einreichen sollen, und entschied mich, ihn als Kommentar den Beiträgen auf „SYSTEMAGAZIN Online“ zum 100. Geburtstag von Virginia Satir hinzuzufügen — genauso wie er jetzt hier zu lesen ist. Der Herausgeber schrieb mich dann an und meinte, er würde auch meinen, dass meine „Satir-Erinnerung vielleicht als Gratulation zum 100. nicht wirklich passend“ sei  und sie daher auch nicht den anderen Beiträgen hinzufügen. Meinen Kommentar, und damit diese kleine, allzumenschliche Anekdote, löschte er. Ich antwortete ihm:


„… um es genauer zu sagen, ich habe mich etwas voreilig der Meinung von Hilarion Petzold angeschlossen, dass dieser kleine Bericht über eine menschliche Begegnung mit Virginia für den Kontext einer Gratulation zu ihrem Hundertjährigen wohl doch unpassend wäre.

Nun lese ich aber in Ihrer kleinen Sammlung von Begegnungen mit Virginia den Bericht einer Kollegin, die Virginia gar nicht kennengelernt, sondern erst drei Jahre nach ihrem Tod das erste Mal ‚von ihr gehört‘ und sie dann zum (virtuellen) Vorbild genommen hat. Angesichts eines solchen blutleeren Geredes denke ich, wäre es doch gut gewesen, meinen kleinen Bericht mit aufzunehmen, zeigte er doch Virginia in ihrer ganzen lebendigen Menschlichkeit. Ein bisschen provokant: Wenn es zu ihrem 100. nicht passend war, dann könnte ich es vielleicht zu ihrem 150. noch schaffen, diese kleine Begegnung zu erzählen, oder ich könnte meinen Sohn bitten, mittlerweile auch Psychologe, das in meinem Namen zu tun, oder zu ihrem 200. einen meiner noch nicht geborenen Enkel.

Weniger provokant: Warum diese guru-mäßige Verklärung? Und warum diese Verklärung sogar noch in den Kommentaren? ‚Wer ist ohne Schatten‘, sagte Hilarion mit Recht zu diesem kleinen Bericht. Warum also auch in der systemischen Welt an der Tabuisierung des Themas Missbrauch mitwirken?

In meinen Seminaren vermittle ich viele wunderbare Dinge von Virginia und ehre sie auf diese Weise, auch indem ich Ideen von ihr aufgegriffen und weiterentwickelt habe. Dass sie einmal nicht so genau hingeguckt und -gefühlt hat, ob ihr Gegenüber der Passende für ein kleines amouröses Abenteuer war, lädiert doch nicht ihren Heiligenschein.“

Er sagte nichts dazu. Meine Mail hatte entweder der digitale Klabautermann geholt oder da war sie, wieder mal: die Wand des Schweigens. Interessant, wie stark die Tabuisierungskräfte beim Thema Missbrauch heute noch sind — nicht nur im „halbseidenen“ NLP, wie wir es jüngst im DVNLP erleben, sondern wohl auch in der akademisch etwas anspruchsvolleren, aber was dieses spezielle Thema angeht, wohl genauso ängstlichen systemischen Welt.

Thema DVNLP

Meta-Zertifikate für den DVNLP?

Viele Inhaber von DVNLP-Zertifikaten werden sich gefragt haben, ob die Aussagekraft ihrer DVNLP-gesiegelten NLP-Zertifikate als Auswirkung der gegenwärtigen Krise des DVNLP gesunken ist – und wenn ja, ob sie etwas gegen einen weiteren Wertverlust ihrer vorhandenen oder angestrebten DVNLP-Zertifikate tun können.

Nicht nur für die Inhaber von DVNLP-Zertifikaten, sondern auch für deren Klienten und Seminarteilnehmer ist die Validität und Reliabilität der Bescheinigungen dieses Weiterbildungsverbandes von Bedeutung, stellen sie doch den seriös erscheinenden Quasi-Standard dar. Daher sind nicht nur die Seminarteilnehmer von DVNLP-zertifizierten Lehrtrainern besorgt, sondern auch die Klienten von DVNLP-zertifizierten Beratern, Trainern, Coaches und Therapeuten.

Führende Experten empfehlen daher beunruhigten DVNLP-Zertifikat-Inhabern und Klienten/Teilnehmern von DVNLP-zertifizierten Psycho-Dienstleistern das folgende, Sicherheit und Klarheit bringende Vorgehen:DVNLP_Meta-Zertifikat_Satire m. www

Beantragen Sie beim Vorstand des DVNLP eine Echtheits- und Unbedenklichkeitsbescheinigung für Ihr Lehrtrainer, Coach oder (Master)Practitioner (DVNLP)-Zertifikat, bzw. eine solche für das Ihres DVNLP-zertifizierten Psycho-Dienstleisters. Weisen Sie in Ihrem Antrag darauf hin, dass Sie die zur Bewältigung der Verbandskrise vorgeschlagene, aber vom Vorstand bislang nicht favorisierte Idee unterstützen, für die Bearbeitung dieser Anträge im DVNLP eine „Kommission für Meta-Zertifizierung und Freisprechung“ einzurichten.

Bedenken Sie, dass diese Kommission zu Beginn der Implementierungsphase des DVNLP-Meta-Zertifizierungsprozesses sicher nur die dringlichsten Anträge auf Ausstellung von Meta-Zertifikaten für DVNLP-Zertifikatsinhaber bearbeiten wird und Teilnehmer und Klienten, die um entsprechende „metaqualifizierende Qualifikationsnachweise“ ihrer DVNLP-zertifizierten Psycho-DienstleisterInnen nachsuchen, 1936483_mauf die im Internet abfragbare Mitgliederdatei verweisen wird, deren von ihr als Kommission zu aktualisierende Einträge dann sicherlich darüber Auskunft geben werden, ob der betreffende DVNLP-Zertifikatsinhaber nur „einfach“ oder schon „meta“-zertifiziert ist.

Bei der Antragstellung sollten Sie, um Ihr geschäftliches Risiko als DVNLP-Trainer, Coach und Psychotherapeut, bzw. Ihr gesundheitliches Risiko als TeilnehmerIn oder KlientIn zu minimieren, darauf achten, dass die beantragte „Unbedenklichkeits- und Echtheitsbestätigung“ alle unten aufgeführten Punkte vollständig enthält. Letztere sollten Sie Ihrem Antrag, wie hier vorgeschlagen, vorformuliert als Vordruck beilegen – auch schon zur Arbeitserleichterung für die anfangs sicher überlastete Kommission:

Der DVNLP bescheinigt hiermit, dass das auf den Namen des DVNLP-Mitgliedes „XYZ“ ausgestellte „Lehrtrainer-, Trainer-, Practitioner-, Master- oder Coach-Zertifikat (DVNLP)“ in Bezug auf seine Gültigkeit und Aussagekraft, insbesondere vor dem Hintergrund der fachlichen und charakterlichen Eignung des DVNLP-Mitgliedes „XYZ“ und dessen Respektabilität, über jeden Zweifel erhaben ist. Das betrifft besonders Zweifel und Bedenken, die aufgrund des Vorliegens eines oder mehrerer der im Anschluss aufgezählten Sachverhalte entstehen könnten.

Um für alle Beteiligten in Bezug auf die öffentlich kursierenden Bedenken und Einwände größtmögliche Klarheit und Eindeutigkeit herzustellen und jeden Zweifel an der Güte seines DVNLP-Zertifikats auszuschließen, bestätigt die „Kommission für Meta-Zertifizierung und Freisprechung“ des DVNLP hiermit, dass das als DVNLP-Lehrtrainer oder -Lehrcoach zertifizierte DVNLP-Mitglied, Herr/Frau XYZ,

  • seine Zulassung nicht mit Hilfe von dem Vorstand als solche bekannten Falschbescheinigungen erhalten hat
  • nicht professionell-fachkundig von einer approbierten und kassenzugelassenen Psychotherapeutin als „gravierend depressiv dekompensiert“ diagnostiziert wurde und falls doch, dass sein DVNLP-Lehrtrainer-Status nicht durch den über diese Diagnose informierten Vorstand und die zuständigen Verbandsgremien unüberprüft blieb
  • sich als Coach und Psychotherapeut (HP) nicht insofern unethisch verhalten hat, als dass er in der seiner Diagnose „gravierende depressive Dekompensation“ entsprechenden psychischen Verfassung Coaching- und Psychotherapie-Sitzungen mit einer Klientin durchgeführt und abgerechnet hat, mit der er zuvor und gleichzeitig eine intime, macht-asymmetrische Beziehung unterhielt, welche wiederum, nach der dezidierten fachlichen und dem Vorstand bekannten Meinung seiner Psychotherapeutin, explizit und eindeutig als Ursache für seine Behandlungsbedürfigkeit benannt wurde
  • nicht Adressat gegen ihn erstatteter Anzeigen und verbandsinterner, klinisch-psychologisch fundierter und detailliert vorgebrachter, aber unüberprüfter Bedenken ist, denen zufolge mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem zukünftigen Verhalten als DVNLP-Lehrtrainer, Coach und Psychotherapeut (HP) das Auftreten von soziopathischen Entgleisungen und für seine KlientInnen brandgefährlichen „Jekyll-und-Hyde“-Dissoziationen zu erwarten ist
  • nicht zu einer Gruppe von DVNLP-Lehrtrainern gehört, gegen die Anzeigen wegen Vergewaltigung, Zuhälterei, Nötigung und/oder unterlassener Hilfeleistung erstattet und entsprechende verbandsintern vorgebrachte Beschwerden unaufgeklärt geblieben sind
  • versichert hat, dass keine Inhaberin seiner DVNLP-Trainer-Zertifikate jemals wieder in die Lage kommen wird, ihr von ihm unterschriebenes Zertifikat fünf Jahre nach der Ausstellung wegen eines „Büroversehens“ für ungültig erklärt zu bekommen – auch dann nicht, wenn aufgrund von zwei Jahre zuvor von ihr erstatteten Anzeigen gegen ihn und zwei weitere Trainer seines NLP-Franchise-Unternehmens die Staatsanwaltschaft für ihn unerwartet doch noch Ermittlungen aufnimmt
  • erklärt hat, sich im Falle einer nach Ausbildungsende noch unaufgelösten Übertragungs-Gegenübertragungs- und Konfliktkonstellation mit einer Ausbildungsklientin professionelle Hilfe in Form einer Supervision oder Mediation in Anspruch zu nehmen und sich unter keinen Umständen in Konflikte einzumischen, die ihre ehemalige Auszubildende als DVNLP-Mitglied eventuell mit anderen Mitgliedern austrägt – vor allem dann nicht, wenn der entsprechende Konflikt zweier anderer Verbandsmitglieder aufgrund von Fehlentscheidungen des Vorstandes nicht verbandsintern, sondern verbandsextern vor Gericht ausgetragen wird und schon gar nicht in der Weise, dass sie dabei ihr Amt als Mitglied der Aus- und Fortbildungskommission missbrauchen würde, um einem Verbandsmitglied verbandsintern-vertrauliche Informationen zur dekontextualisierten Verwendung gegen ein anderes Verbandsmitglied zur Verfügung zu stellen
  • sich verpflichtet hat, auf gewaltvolle und das NLP in Misskredit bringende Kommunikationsformen wie Pathologisierung, Kriminalisierung und Kommunikationsverweigerung zu verzichten – auch unter der erschwerten Bedingung, gleichzeitig Mitglied des DVNLP-Vorstandes und sein Vorsitzender zu sein.

39168374_mEs empfiehlt sich, die zügige Bearbeitung des eigenen Antrages nicht durch die Verwendung von Informationen oder Gedankengängen aus den kritischen Texten des Gründungsvorstandes und langjährigen Ehrenmitglieds des DVNLP, Thies Stahl, zu gefährden, denn bei einigen Mitgliedern der Kommission könnte es immerhin der Fall sein, dass sich auch bei ihnen wie „bei den Mitgliedern des Vorstandes der Eindruck festigt, dass Herr Stahl an Störungen leidet“ (zitiert aus einer offiziellen Stellungnahme des DVNLP gegenüber dem SPIEGEL).

Für den Fall, dass im Verband Bedenken gegenüber Mitgliedern der „Kommission für Meta-Zertifizierung und Freisprechung“ vorgetragen werden, wurde dem Vernehmen nach schon das Prozess-Design für die Einführung von „Meta“-Meta-Zertifikaten des DVNLP in Auftrag gegeben.

Thema DVNLP

Texte zum DVNLP

Hier finden sich meine kritische Texte zum DVNLP, einige Hintergrundinformationen zur „Causa DVNLP“, deren vollständige Chronologie, ein paar theoretische Überlegungen und amüsante Randbemerkungen:

Anmerkung 

Den ersten Text zu den Ungeheuerlichkeiten im Verband, „Erklärung zum DVNLP“ vom 25.04.2015 (ergänzt am 12.06.2015), habe ich aufgrund einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem DVNLP am 25. Juli 2016 vorerst entfernt. Als ältester Text war er, da redundant, für ein Verständnis der „Causa DVNLP“ entbehrlich. Für einen schnellen Überblick über deren heiklen Punkte und Fragen empfiehlt sich der Mittelteil der Satire  Meta-Zertifikate für den DVNLP? und die ausführlichere Darstellung in DVNLP von allen guten Geistern verlassen?